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Haus des Monats 2021

Architekt Dipl.-Ing. Wolfgang Sterneder

Wie würden Sie ihr Projekt beschreiben?

Das Grundstück befindet sich in einem Siedlungsgebiet in einer Gemeinde im Tiroler Oberland. Der Wunsch der Eigentümerfamilie war die Errichtung eines Einfamilienhauses mit einer zusätzlichen Einliegerwohnung. Die ca. 50m2 große Einliegerwohnung sollte sowohl als eigenständige Einheit mit separatem Zugang funktionieren, aber auch eine interne Verbindung mit dem Wohnhaus aufweisen. Aufgrund der schwierigen Bodenverhältnisse wurde entgegen der ursprünglichen Planung nicht nur das Wohnhaus, sondern das gesamte Gebäude mit einem Untergeschoss versehen. Die dadurch im UG zusätzlichen entstandenen Zimmer Richtung Westen, dienen den Bewohnern als zusätzlicher Wohnraum. Sie werden durch raumbreite Fensterschlitzen natürlich belichtet und belüftet.

Der Zugang, sowohl zum Wohnhaus als auch in die Einliegerwohnung, erfolgt über einen kleinen, offenen Innenhof und liegt ca. 80cm über dem Niveau des Zufahrtsweges. Eine Kombination aus Vordächern ermöglicht eine überdeckte, fußläufige Verbindung zu der freistehenden Doppelgarage. Die Einliegerwohnung besteht aus einer Wohnküche mit einem vorgelagerten Freibereich gebildet aus einer Terrasse und einem kleinen Kiesgarten. Weiters gibt es ein Schlafzimmer, ein Badezimmer/WC und einen Vorraum mit der internen Anbindung an das Wohnhaus.

Das Wohnhaus betritt man über einen transparent gestalteten Vorraum mit Garderobe, WC und Abgang in das Untergeschoss. Durch eine Glaspendeltüre gelangt man in den großzügigen Wohn-/Essbereich. Dieser gliedert sich in zwei Zonen mit unterschiedlichen Niveaus und Raumhöhen. Die Fensterfront der Wohnküche und des Essbereichs wurde zurückversetzt, sodass Richtung Süden und zum Garten hin eine große überdeckte Terrasse entstanden ist. Der ca. 30cm abgesenkte Wohnraum wird durch einen Kaminofen mit offenem Feuer als Raumteiler zur Wohnküche abgegrenzt. Das Hebe-/Schiebe-Fensterelement des Wohnraumes liegt in einer Ebene mit der Fassade des Obergeschosses und wird durch den auskragenden Balkon natürlich beschattet. Der Richtung Süden vorgelagerte Garten soll die Wohnbereiche optisch und funktional erweitern und ergänzen.

Über eine einläufige Treppe gelangt man vom Wohnraum in das Obergeschoss. Hier sind die Kinderzimmer und das Schlafzimmer mit einem jeweils eigenen Badezimmer situiert. Der offene Raum des Treppenaufganges im Norden wird als Büro und Leseecke genützt. Die Aufenthaltsräume im Obergeschoss verfügen über einen Freibereich in Form eines Balkons. Ein Wunsch der Bauherrenschaft war auch, dass das Wohnhaus nicht mit einem klassischen Flachdach ausgeführt werden sollte. Im Zuge der Entwurfsplanung hat sich dann die Dachform aus zwei um 90 Grad gedrehten Pultdächern ergeben, die wiederum in der Ausbildung der westlichen Mansardendachfläche des Obergeschosses ihre Fortsetzung fand. Durch die Einbindung eines Teiles der Balkonbrüstung in die Materialität des Mansardendaches erhält das Obergeschoss eine körperhafte Wirkung und scheint in diesem Bereich über dem Erdgeschoss zu schweben. Bewusst eingesetzte niedrige Fensterschlitze als Oberlichten in Küche und Galerie sollen diese Wirkung verstärken und die Nachbargebäude beim Ausblick von innen ausblenden.  

Welche charakteristischen Merkmale zeichnen die Architektur des Projektes aus?

Der durch den Baukörper der Garage und die überdachten Zugänge zu den Eingangstüren gebildete Innenhof schafft eine Pufferzone zum öffentlichen Zufahrts- und Gehweg an der Westseite des Grundstücks. Ebenso bildet die grenzbegleitende Gartenmauer aus Sichtbeton zum öffentlichen Weg im Norden einen privaten Innenhof, der als Kiesgarten ausgeführt wurde und der Einliegerwohnung zugeordnet ist.

Das Gebäude wurde bewusst im nördlichen Teil des Grundstücks situiert und in Richtung Süden orientiert. Dadurch entsteht zu der der in Ost-West-Richtung verlaufenden Gemeindestraße eine räumliche Distanz. Der dem Haus vorgelagerte Garten dient wiederum als Puffer zwischen öffentlichem und privatem Bereich. Die großflächigen Fensterelemente sollen eine Erweiterung/Verbindung der gebauten Räume mit den Freibereichen ermöglichen. Die Vordächer und der Balkon wurden so gewählt, dass die Glasflächen im Sommer möglichst ohne weiteren Sonnenschutz beschattet werden müssen und in den Wintermonaten ein solarer Eintrag durch die Sonne gegeben ist. Aussenraffstore ergänzen den baulichen Sonnenschutz und bieten einen zusätzlichen Sichtschutz in den Abendstunden. Die Belüftung erfolgt einerseits natürlich durch die öffenbaren Fenster und wird zusätzlich durch eine kontrollierte Wohnraumbelüftung ergänzt. Die durchlüftete Dachkonstruktion bietet Schutz gegen sommerliche Überhitzung.  

Welche nachhaltigen Aspekte bzw. Vorbildfunktionen für zukunftsweisendes Bauen bietet dieses Projekt?

Das gesamte Gebäude wurde als Niedrigenergiehaus mit einem HWB von 28,9 kWh/m2a konzipiert und verfügt über eine kontrollierte Wohnraumbelüftung sowie eine Sole-Luftwärmepumpe als Heizung. Bei der Wahl der Materialien wurde bewusst auf den Einsatz von natürlichen Baustoffen wie Ziegel, Beton, Holzwerkstoffe und Holzwolledämmung im Dachbereich geachtet. Vorbereitet wurde auch die Anschlußmöglichkeit einer Photovoltaikanlage, um in Zukunft möglichst autark zu sein.

Beim Entwurf wurde eine Variante erarbeitet, die eine spätere Erweiterung/Aufteilung in zwei getrennte Wohneinheiten ermöglicht. Durch eine Erweiterung der Wohnfläche über der Einliegerwohnung, bei gleichzeitiger Einbindung des Schlaf- und Wohnraumes der ELW in den Wohnbereich des Wohnhauses, entsteht eine Wohnung im Erdgeschoss und eine im Obergeschoss. Der Eingang der Einliegerwohnung samt Vorraum bildet den Zugang zur Wohnung im OG. Im derzeitigen Bad der ELW kann eine Treppe vom UG bis ins das OG eingebaut werden. Die dafür erforderlichen Öffnungen wurden bereits in den Stahlbetondecken vorgesehen und sind derzeit mit einer Holzkonstruktion verschlossen.  

Welchen Stellenwert haben Fenster bei der Gestaltung eines Hauses?

Die horizontalen Fensterschlitze ergänzen die großen Fensterelemente und sollen vor allem Blickbeziehungen aus den Innenräumen freigeben. So bildet sich in der Galerie und im Elternbau im Obergeschoss die Gipfelkette des dahinterliegenden Gebirgszuges ab. Die beiden Eingangstüren im Innenhof wurden bewusst in Farbe gestaltet, um die Zugangssituation noch einmal zu betonen. Das Garagentor hingegen wurde durch die Überdeckung mit der Lärchenfassade bewusst in den Hintergrund gesetzt. Leicht wirkende rahmenlose Verglasungen in Kombination mit gerahmten Elementen bieten differenzierte Ein- und Ausblicksmöglichkeiten.

 

Architekt: Architekt Dipl.-Ing. Wolfgang Sterneder, Michael Gaismair Straße 9, 6020 Innsbruck

Projekt: Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung

Vertriebspartner: Fenstervisionen Handels GmbH, Staudach 27, 6422 Stams, www.fenstervisionen.at

Fotograf: Büro Architekt Sterneder, Aussenfotos: Arch. DI Gerald Haselwanter, Innenfotos: DI Ibrahim el Goubashy